Der rote Teppich ist ausgerollt, der Weg liegt vor uns, jetzt müssen wir ihn nur noch gehen.

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Jetzt kann so ein Moment sein. Ein Moment, in dem wir entweder ein System aufrechterhalten, das alt und krank ist – oder wir nutzen die Chance und erfinden uns neu. Das ist der Versuch einer Antwort mit der Methode des Design Sensing.

Corona hat uns in den letzten Wochen dazu gezwungen, die kollektive Stop-Taste zu drücken. Wir haben uns zu Hause eingesperrt, und je nach Lebenssituation sind wir zur Ruhe gekommen, mußten Job und Kinder und Familienleben managen – und viele stehen vor ernsthaften Existenzängsten. Bei mir hat sich das Kopfkino von einer der beschriebenen Situationen zur nächsten im Kreis gedreht. Die Existenzängste konnte ich bald verabschieden, die Kinder haben sich rasch ans Selbständige lernen gewöhnt und in mir hat sich eine neue Sicherheit und Ruhe breitgemacht. In einer Tiefe und einem Vertrauen, das ich bisher so noch gar nicht kannte. 

Lisi – wie immer pragmatisch – hat die Zeit genutzt. Sie hat sich Know How im Bereich Online Workshop Design und Moderationstechniken angeeignet. Sie hat Diskussionsrunden geleitet und Workshopsdesigns erfunden und dem, was im Außen passiert, eine Struktur gegeben. Das Ergebnis ist eine Design Sensing Journey, die uns hilft, zu verstehen was im Außen passiert -und unseren Gestaltungsspielraum zurückzugewinnen.

Design Sensing Journey: die Reise der Veränderung

Hier unternehmen wir ein Versuch, den Prozess, den wir gerade durchleben, in einer Design Sensing Journey zu erklären. Design Sensing ist unsere Methode der Veränderung. Sie integriert das emotionale und die 5 Sinne in die Methode des Design Thinking und basiert auf der Theory U von Otto Scharmer. Otto Scharmer geht davon aus, dass die Zukunft die wir erleben, schon da ist. Die antizipierte Zukunft bestimmen wir durch unser Verhalten im Jetzt. Deshalb steht im Zentrum unserer Reise die Kernfrage „Wie wollen wir in Zukunft leben?“

1. Co-initiating: Alles, was nicht nachhaltig war, bricht jetzt zusammen

Innerhalb von wenigen Wochen hat sich fast die gesamte Weltbevölkerung auf ein einziges Thema konzentriert: Covid-19.  In Windeseile wurden Hindernisse beiseite geräumt, die normalerweise als „Das geht nicht“ Argumente gegen Veränderungen angeführt werden. Jetzt haben wir gesehen: es ist möglich, weltweit gemeinsam die Stop-Taste zu drücken. Wir haben unfassbare Ressourcen mobilisiert, um die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen. 

Das heißt aber auch für alle andern Herausforderungen: in dem Moment, in dem wir unsere globale Aufmerksamkeit auf ein einziges Thema richten, können wir zumindest einmal die ganze Welt anhalten.

2. Co-sensing: Wir sind miteinander verbunden 

In den letzten Wochen sind die Blumensamen am Balkon gesprossen, ich konnte die Vögel vor meinem Schlafzimmer singen hören und von meinem Balkon aus sehe ich zum ersten Mal die Sterne. Es ist fast so, als hätte Mutter Natur uns in unsere Zimmer geschickt, um darüber nachzudenken, was wir ihr, einander und uns selbst antun. 

Es dauert vier Wochen, bis ich meinen natürlichen Rhythmus finde, wieder frei durchatme und die Hektik in mir abfällt. Auf einmal kommen Ideen aus mir selbst heraus. Ich denke wieder frei und hab Lust, meinen Ideen kreativen Ausdruck zu verleihen. Wir haben alle eine Auszeit geschenkt bekommen! Welche wichtigen Erkenntnisse können wir aus diesem kollektiven Stillstand ziehen?

Ein Weg führt durch die Mitte der Bäume
Der Weg entsteht, indem wir ihn gehen – frei nach Antonio Machado: „caminante no hay camino, se hace caminoal andar“.

3. Presensing: Wenn Systeme zusammenbrechen, wachsen Menschen über sich selbst hinaus

Hunderttausende, vielleicht Millionen von Freiwilligen haben sich gemeldet, um ihren Nachbarn zu helfen und die selbstlose Arbeit von Angehörigen der Gesundheitsberufe an vorderster Front zu unterstützen.  Jeder tut, was er kann: vom Opernsänger der Pizza ausliefert, über das Hotel Intercontinental, das Essenslieferungen im Bezirk bereitstellt bis zu den Freiwilligen, die als Erntehelfer Spargel und Erdbeeren pflücken. Die Widerstandsfähigkeit und Kreativität, die Menschen in einem solchen Moment der Krise miteinander entwicklen, sind bewegend und beeindruckend. Ein umfassendes Fühlen und Handeln, das die Verbundenheit von Menschen zu Mensch, aber auch die Verbundenheit von Mensch und Natur ins Zentrum rückt, ist möglich. 

4. Co-Creating: Gemeinsam können wir Unglaubliches bewegen

Viele Betriebe kämpfen bereits ums Überleben, und es werden noch mehr werden. Gleichzeitig hat sich in meinen EUP Netzwerken ein Sturm der Solidarität und des Zusammenhalts aufgetan. Die Hilfen der Regierung sind zu wenig, sie greifen nicht und dauern viel zu lang. Aber viele Betriebe haben von sich aus verstanden, dass unser System kaput ist und wir so nicht weitermachen können. Wahre Diversität, Unterschiedlichkeit, Buntheit und Wildheit haben brauchen Platz. 

Die bewussten Konsumenten in uns werden wach. Auch ich denke zweimal nach: Brauch ich das wirklich? – einerseits weil jeder Gang nach draußen mühsam und ungewohnt ist, aber auch weil es viel mehr Sinn macht, die Unternehmen im Grätzl zu unterstützen. Warum sollte ich ein Buch bei Amazon bestellen, wenn ich von Buchhändler ums Eck auch noch die persönlichen Empfehlungen gratis dazu bekomme? 

 5. Co-Evolving: Die Welt in der wir leben wollen gestalten

Eine Hoffnung wird in mir wach, die ich schon verloren glaubte. Die Hoffnung, dass eine Wirtschaft der Liebe und damit ein gutes Leben für alle möglich ist. Die Idee kommt von Charles Eisenstein. In seinem Essay The Coronation stellt er wichtige Fragen, entlang derer wir unser „wie weiter“ ausrichten:

„Wollen wir uns, um das Risiko einer weiteren Pandemie zu senken, dafür entscheiden, für immer ohne Umarmung und Händeschütteln zu leben? Wollen wir uns dafür entscheiden, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir uns nicht mehr in größerer Zahl versammeln? Soll das Konzert, das Sportereignis und das Festival der Vergangenheit angehören? Sollen Kinder nicht mehr mit anderen Kindern spielen? Soll aller menschlicher Kontakt über Computer und Gesichtsmasken vermittelt werden? Soll die Reduzierung der Todesfälle der Maßstab sein, an dem der Fortschritt gemessen wird? Heißt menschliche Fortentwicklung Getrenntheit? Ist das die Zukunft?“ 

Charles Eisenstein